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Streaming-Betrug: Jetzt sollen die Distributoren aufräumen – und das könnte auch ehrliche Musiker treffen

Wer seine Musik selbst veröffentlicht, hat sich an einen ziemlich bequemen Ablauf gewöhnt. Song fertig machen, Cover hochladen, ISRC und Metadaten eintragen, Release-Datum auswählen und den Distributor den Rest erledigen lassen. Ein paar Tage später liegt die Platte bei Spotify, Apple Music, Deezer, YouTube Music und sonst wo. Für unabhängige Musiker war diese Entwicklung ein Segen. Man muss heute nicht mehr bei einem Vertrieb vorsprechen oder darauf hoffen, dass irgendein Label die eigene Platte wichtig genug findet, um sie überhaupt in die Läden zu bringen.

Leider funktioniert dieselbe Infrastruktur auch wunderbar, wenn man keine Musik veröffentlichen, sondern das Streaming-System bescheißen möchte.

Genau deshalb hat die IFPI am 14. September 2026 die Streaming Integrity Initiative, kurz SII, vorgestellt. Dahinter steckt zunächst keine neue Behörde und auch kein neues Gesetz. Es handelt sich um gemeinsame Standards, zu denen sich Distributoren und andere Unternehmen aus der Musikbranche bekennen sollen. Zu den Unterstützern beim Start gehörten unter anderem CD Baby, Ditto Music, RouteNote, AWAL, Symphonic, The Orchard, Too Lost, FUGA, Sony Music Group, Universal Music Group, Warner Music Group, Merlin und IMPALA.

Die komplette Initiative findet man hier:

https://endstreamingfraud.com/streaming-integrity-initiative

Die offizielle Mitteilung der IFPI:

https://www.ifpi.org/music-companies-unite-in-new-commitment-to-combat-streaming-fraud-in-order-to-protect-artists-songwriters-and-fans/

Auf dem Papier klingt das alles zunächst ziemlich vernünftig. Distributoren sollen ihre Kunden besser kennen, Rechte prüfen, verdächtige Uploads erkennen, bei Betrug reagieren und Informationen über bekannte Betrüger austauschen. Wer seine eigene Musik hochlädt und seine Streams nicht bei irgendeiner windigen „100.000 Spotify Plays garantiert“-Bude kauft, könnte jetzt sagen: wunderbar, betrifft mich nicht.

Ganz so einfach ist es leider nicht.

Denn die Initiative zeigt ziemlich deutlich, wohin sich digitale Musikdistribution gerade bewegt. Der Distributor soll nicht mehr hauptsächlich das Rohr sein, durch das eine fertige Aufnahme zu den Streamingdiensten gelangt. Er soll zunehmend auch Türsteher werden.

Und Türsteher machen Fehler.

Das offene Tor der Musikindustrie

Dass ausgerechnet die Distributoren stärker in die Pflicht genommen werden sollen, ist logisch. Wer Streamingbetrug betreiben möchte, muss seine Musik zunächst irgendwo ins System bekommen. Spotify nimmt nicht einfach irgendeine WAV-Datei entgegen, weil jemand nett fragt. Normalerweise läuft der Weg über einen Distributor beziehungsweise Aggregator.

Die IFPI bezeichnet Distributoren deshalb sinngemäß als einen wichtigen Zugangspunkt zum digitalen Musikökosystem. Dort kann man eingreifen, bevor der Schaden entsteht.

Das ist tatsächlich schlauer, als ausschließlich hinterher falsche Streams zu zählen.

Das Problem hat sich durch generative KI noch einmal verändert. Früher musste jemand, der einen riesigen Katalog mit wertlosen Tracks hochladen wollte, diese Tracks wenigstens irgendwie herstellen. Man konnte billige Produktionsmusik einkaufen, Dateien kopieren, vorhandene Aufnahmen manipulieren oder anderen Unsinn veranstalten. Ganz kostenlos war der Aufwand trotzdem nicht.

Heute lässt sich auch dieser Teil automatisieren.

Ein generatives Musiksystem braucht keine Mittagspause, keinen Urlaub und diskutiert nicht darüber, ob die Snare zwei Dezibel leiser sein sollte. Wer solche Systeme nicht als kreatives Werkzeug, sondern als Content-Fabrik benutzt, kann Mengen produzieren, die mit einem normalen menschlichen Release-Zyklus nichts mehr zu tun haben.

Damit treffen zwei Entwicklungen aufeinander, die für sich genommen völlig unterschiedliche Dinge sind: extrem einfache Distribution und extrem einfache Musikproduktion.

Dazu kommt als dritter Bestandteil künstliches Streaming.

Dann wird aus einem Musikgeschäft ziemlich schnell eine Rechenaufgabe.

Tracks automatisch herstellen, automatisch verteilen, anschließend künstliche Plays erzeugen und hoffen, dass am Ende mehr Royalty-Geld herauskommt, als der Betrieb des Systems kostet.

Das hat mit Musik ungefähr so viel zu tun wie E-Mail-Spam mit Brieffreundschaften.

Die IFPI will deshalb schon beim Account anfangen

Der erste Punkt der neuen Initiative nennt sich „Verify“. Gemeint ist im Wesentlichen das, was Banken und Finanzdienste seit Jahren als Know Your Customer kennen. Ein Distributor soll überprüfen, wer hinter einem Kundenkonto steckt und ob dieser Kunde legitim erscheint.

Für normale Musiker klingt das erst einmal nach zusätzlichem Papierkram. Wahrscheinlich wird es in vielen Fällen genau das sein.

Trotzdem kann ich mit diesem Teil relativ gut leben.

Wer über eine Plattform Geld verdient und dort tausende Veröffentlichungen einspeisen kann, muss nicht unbedingt vollkommen anonym bleiben dürfen. Vor allem Betreiber größerer Betrugsnetzwerke profitieren davon, wenn sie nach einer Sperre einfach den nächsten Account eröffnen können.

Die entscheidende Sache ist allerdings die Verhältnismäßigkeit.

Ein Independent-Musiker ist keine Bank. Ein kleines Label ist kein multinationaler Konzern. Wenn KYC am Ende bedeutet, einmal vernünftig die Identität zu bestätigen und anschließend Ruhe zu haben, okay. Wenn daraus ein Bürokratiemonster wird, bei dem vor jedem Release erneut irgendwelche Dokumente verlangt werden, haben wir wenig gewonnen.

Noch unangenehmer sind automatisierte Fehlentscheidungen. Wer schon einmal versucht hat, bei einem großen Internetunternehmen einen echten Menschen im Support zu erreichen, weiß ungefähr, wo das Problem liegt. Ein Algorithmus kann einen Account innerhalb einer Sekunde markieren. Die anschließende Erklärung, dass der Algorithmus Blödsinn gebaut hat, kann Wochen dauern.

Bei einem normalen Social-Media-Account ist das nervig. Bei einem Distributor hängen daran möglicherweise Veröffentlichungen und Einnahmen.

Deshalb sollte mit jeder neuen Kontrollmöglichkeit auch eine vernünftige Einspruchsmöglichkeit kommen. Dieser Teil wird in Diskussionen über Fraud Detection erstaunlich gerne vergessen.

Richtig spannend wird es bei den Uploads

Der zweite große Bereich der Initiative heißt „Vet“. Hier geht es um die Inhalte selbst.

Distributoren sollen nach den Vorstellungen der Initiative unter anderem Metadaten und Lyrics prüfen, Audioerkennung einsetzen und relevante Datenbanken abgleichen. Außerdem werden ausdrücklich KI-generierte Inhalte sowie mögliche Verletzungen von Stimme, Name, Bild und Identität eines Künstlers genannt.

Das ist ein wesentlich größerer Schritt als eine Ausweiskontrolle.

Wer in Zukunft einen Track hochlädt, könnte also zunehmend damit rechnen, dass dieser Track automatisiert untersucht wird. Ähnlichkeiten mit bestehenden Aufnahmen, problematische Metadaten, verdächtige Künstlernamen oder mögliche Voice-Clones können dabei eine Rolle spielen.

Bei offensichtlichen Fälschungen ist das eine gute Sache.

Wenn jemand morgen einen Song als „neue unveröffentlichte Rihanna-Single“ hochlädt, obwohl Rihanna damit überhaupt nichts zu tun hat, brauche ich keine philosophische Debatte über die Freiheit des Internets. Weg damit.

Dasselbe gilt für Leute, die bestehende Aufnahmen leicht verändern und unter anderem Namen neu veröffentlichen. Solche Geschichten gab es lange vor Suno und generativer KI.

KI macht die Angelegenheit allerdings wesentlich komplizierter.

Denn was genau ist eigentlich ein KI-generierter Song?

Nehmen wir einen Produzenten, der seine eigene Melodie in ein generatives System lädt und sich daraus eine Streicheridee erzeugen lässt. Anschließend nimmt er vier Sekunden davon, schneidet sie auseinander, pitcht das Material, spielt neue Drums darüber, nimmt einen Bass auf und lässt einen echten Sänger die Vocals einsingen.

Ist das KI-Musik?

Wahrscheinlich würden die meisten Musiker sagen: KI wurde bei der Produktion benutzt.

Jetzt nehmen wir jemanden, der einen Textprompt eingibt, einen kompletten fertigen Song erzeugen lässt und genau diese Datei unverändert beim Distributor hochlädt.

Das ist ein deutlich anderer Fall.

Dazwischen liegen ungefähr tausend Varianten.

Ein einfaches Kästchen „AI: ja/nein“ wird diesem Zeug auf Dauer nicht gerecht.

Die IFPI selbst hat im Juli 2026 bereits Prinzipien für KI-beeinflusste Musik in offiziellen Charts veröffentlicht. Dort wird zwischen menschlich geführter kreativer Arbeit und rein synthetischen beziehungsweise problematisch erzeugten Werken unterschieden. Für eine Chartzulassung sollen unter anderem eine rechtmäßige KI-Anwendung, ein substanzieller menschlicher Anteil und das Fehlen von Manipulationsproblemen relevant sein.

Quelle:

https://www.ifpi.org/ifpi-rolls-out-global-principles-for-the-eligibility-of-recordings-developed-using-ai-in-official-music-charts-worldwide/

Man sieht daran schon, wohin die Reise geht. Die Branche versucht nicht einfach, alles mit KI zu verbieten. Sie versucht Kategorien zu bauen.

Das ist vernünftiger als ein pauschales Verbot. Ob diese Kategorien technisch zuverlässig erkannt werden können, steht auf einem anderen Blatt.

Ein Algorithmus weiß nicht, warum ein Song so klingt

Das ist einer meiner größeren Bauchschmerzen bei der ganzen Geschichte.

Audioerkennung funktioniert hervorragend, wenn man nach einer bestimmten Aufnahme sucht. Shazam ist das offensichtliche Alltagsbeispiel. Auch Fingerprinting-Systeme können bekannte Aufnahmen sehr zuverlässig identifizieren.

Eine kreative Entstehungsgeschichte lässt sich aus einer WAV-Datei aber nicht so einfach herauslesen.

HipHop ist dafür eigentlich das perfekte Beispiel. Zwei Produzenten können dieselbe alte Platte samplen und daraus komplett unterschiedliche Beats bauen. Jemand kann ein Sample legal lizenziert haben, während ein anderer dieselbe Stelle ohne Erlaubnis verwendet. Die Audiodateien erzählen dem Erkennungssystem nicht automatisch, wer welche Rechte besitzt.

Mit KI wird dieses Problem noch größer.

Wenn ein System glaubt, eine synthetische Stimme zu erkennen, bedeutet das noch nicht, dass eine Rechtsverletzung vorliegt. Vielleicht wurde die eigene Stimme des Künstlers verwendet. Vielleicht existiert eine Lizenz. Vielleicht handelt es sich überhaupt nicht um eine synthetische Stimme.

Wer solche Systeme einführt, braucht deshalb zwingend einen zweiten Schritt.

Computer sagt nein kann nicht die endgültige Instanz einer Musikindustrie werden, die gleichzeitig behauptet, menschliche Kreativität schützen zu wollen.

Streamingbetrug ist allerdings kein erfundenes Problem

Bei aller Skepsis gegenüber automatisierten Kontrollen sollte man nicht in die andere Richtung übertreiben. Streaming Fraud ist real und er schadet echten Musikern.

Die IFPI beschreibt das Prinzip ziemlich einfach: Betrüger bringen Musik auf Streamingplattformen und erzeugen anschließend künstliche Plays, häufig über Bots. Dadurch werden Auszahlungen erzeugt, die nicht auf echtem Musikkonsum beruhen.

Die Organisation argumentiert, dass dadurch Einnahmen aus einem begrenzten Royalty-System abgezogen werden, die ansonsten legitimen Rechteinhabern zugutekämen.

Das Grundproblem ist nachvollziehbar.

Ein Bot kauft schließlich kein zusätzliches Spotify-Abo für jeden abgespielten Track. Er manipuliert die Verteilung innerhalb eines bestehenden wirtschaftlichen Systems.

Die IFPI behandelt Streaming Fraud deshalb inzwischen als eine der größeren Gefahren für das Streaminggeschäft. Im Global Music Report 2026 widmet die Organisation dem Thema einen eigenen Bereich und beschreibt generative KI als Beschleuniger, weil sowohl künstliche Inhalte als auch künstliches Hören in größerem Maßstab organisiert werden können.

Der Global Music Report 2026 ist hier zu finden:

https://www.ifpi.org/wp-content/uploads/2024/03/GMR2026_SOTI2.pdf

Man sollte dabei allerdings im Kopf behalten, wer diese Zahlen und Einschätzungen veröffentlicht. Die IFPI vertritt die Interessen der Tonträgerindustrie. Das macht ihre Informationen nicht wertlos, aber es ist eben keine unabhängige Verbraucherorganisation.

Das gehört zu sauberer Quellenarbeit dazu.

Mehr Streaming, mehr Geld – aber nicht automatisch für dich

Die Größenordnung des Marktes erklärt, warum die Branche inzwischen so nervös reagiert.

Nach dem Global Music Report 2026 erreichten die weltweiten Umsätze mit aufgezeichneter Musik im Jahr 2025 rund 31,7 Milliarden US-Dollar. Streaming machte 69,6 Prozent davon aus; allein Paid Subscription Streaming stand für 52,4 Prozent des Gesamtumsatzes. Die IFPI zählte weltweit 837 Millionen Nutzer bezahlter Streaming-Abonnements.

Quelle:

https://www.ifpi.org/global-music-report-2026-global-recorded-music-revenues-grow-6-4-as-record-companies-drive-innovation/

Das ist kein Nischenmarkt mehr. Streaming ist die zentrale Geldmaschine der aufgenommenen Musik.

Entsprechend attraktiv ist das System für Betrug.

Wenn irgendwo Milliarden verteilt werden und die Verteilung zumindest teilweise anhand von Plays funktioniert, wird jemand versuchen, Plays zu manipulieren. Das ist ungefähr so überraschend wie Steuerbetrug in einer Welt mit Steuern.

Interessanter ist, wie billig Manipulation durch Automatisierung werden kann.

Wenn ich hunderttausend menschliche Hörer bezahlen müsste, um hunderttausend Streams zu erzeugen, wäre mein Geschäftsmodell ziemlich bescheuert.

Wenn Software einen erheblichen Teil davon übernehmen kann, sieht die Rechnung anders aus.

Wenn zusätzlich die Herstellung der Musik automatisiert wird, sinken die Kosten noch weiter.

Und damit sind wir wieder bei der Kombination aus generativer KI und Streaming Fraud.

Nicht jeder KI-Song ist Betrug. Das sollte man wirklich sauber auseinanderhalten. Ein mit Suno erzeugter Song, den zehntausend echte Menschen freiwillig hören, erzeugt echte Nutzung. Man kann über Kunst, Trainingsdaten, Urheberrecht und Qualität streiten, aber die Hörer sind trotzdem real.

Problematisch wird es, wenn automatisierte Produktion und automatisierter Konsum zusammenkommen.

Dann hören Maschinen Musik von Maschinen, damit irgendwo eine Royalty-Abrechnung ausgelöst wird.

Das ist schon eine ziemlich schöne Karikatur der digitalen Wirtschaft.

Wiederholungstäter sollen irgendwann komplett rausfliegen

Die Streaming Integrity Initiative verlangt deshalb nicht nur Prüfung, sondern auch Konsequenzen.

Unter dem Punkt „Act“ sollen Distributoren verdächtige Aktivitäten untersuchen, bestätigten Betrug stoppen und dessen Auswirkungen begrenzen. Für wiederholte Verstöße ist ein Sanktionssystem vorgesehen. Wiederholungstäter sollen über Plattformen hinweg ausgeschlossen werden können; in geeigneten Fällen soll auch eine sofortige Sperre möglich sein.

Auch hier liegt der Teufel im Detail.

Bei eindeutigem Betrug dürfte kaum ein ehrlicher Musiker Mitleid haben. Wer hunderttausende Bot-Streams bestellt und nach jeder Sperre unter neuem Namen weitermacht, braucht sich über Konsequenzen nicht wundern.

Aber Streaming ist ein merkwürdiges System. Ein Künstler kontrolliert nicht jeden einzelnen Ort, an dem sein Song auftaucht.

Das wird besonders bei Playlists problematisch.

Es gibt dubiose Playlist-Anbieter, Fake-Promotion und Dienste, die mit garantierten Streams werben. Wer so etwas wissentlich kauft, spielt mit dem Feuer.

Es kann allerdings auch vorkommen, dass Musik ohne Zutun des Künstlers in merkwürdigen Playlists landet. Ein Künstler kann nicht persönlich überprüfen, ob jeder einzelne seiner 30.000 monatlichen Hörer gerade mit einem echten Smartphone in einer echten Küche sitzt.

Deshalb darf die Gleichung nicht lauten:

ungewöhnliche Streams = betrügerischer Künstler.

Zwischen Auffälligkeit und Beweis liegt ein ziemlich großer Unterschied.

Das Teilen von Informationen ist sinnvoll – und ein bisschen unheimlich

Der vierte Punkt der Initiative heißt „Share“.

Unternehmen sollen Informationen über betrügerische Aktivitäten austauschen, soweit dies rechtlich zulässig ist. Die Idee dahinter versteht jeder sofort: Ein Betrüger soll nicht bei Distributor A rausfliegen und am nächsten Morgen bei Distributor B einfach von vorne anfangen.

Aus technischer Sicht ist das wahrscheinlich einer der wirksamsten Teile der Initiative.

Aus Sicht eines normalen Musikers ist es gleichzeitig der Punkt, bei dem ich die meisten Fragen hätte.

Welche Informationen werden geteilt?

Wie lange werden sie gespeichert?

Was gilt als ausreichend sicherer Hinweis auf Betrug?

Kann ein Musiker erfahren, dass er in einem solchen System markiert wurde?

Kann eine falsche Markierung korrigiert werden?

Was passiert bei Namensgleichheit?

Wie wird verhindert, dass eine fehlerhafte Entscheidung eines Unternehmens durch die ganze Branche wandert?

Das sind keine Argumente gegen Informationsaustausch. Es sind Argumente für vernünftige Regeln.

Wenn mehrere Banken Informationen über nachgewiesenen Finanzbetrug austauschen, kann das sinnvoll sein. Niemand möchte allerdings aufgrund eines Fehlers plötzlich bei jeder Bank als Betrüger gelten.

Dasselbe Prinzip gilt hier.

Ein funktionierendes Anti-Fraud-System braucht nicht nur Zähne. Es braucht ein Gedächtnis, das Fehler korrigieren kann.

DistroKid steht ausgerechnet jetzt daneben

Ein Detail der Veröffentlichung fiel sofort auf.

DistroKid war zum Start der Streaming Integrity Initiative nicht auf der veröffentlichten Liste der Unterstützer.

Das ist deshalb bemerkenswert, weil DistroKid selbst behauptet, ungefähr 40 Prozent aller neuen Musik weltweit zu vertreiben und mehr als vier Millionen Künstler zu bedienen. Music Business Worldwide griff das Fehlen des Unternehmens deshalb am 14. September ausdrücklich auf.

Der Artikel:

https://www.musicbusinessworldwide.com/distrokid-new-anti-fraud-standards-unlike-cd-baby/

Aus der Abwesenheit auf einer Unterstützerliste sollte man allerdings nicht mehr machen, als sie ist. Sie beweist weder, dass DistroKid die Standards grundsätzlich ablehnt, noch sagt sie automatisch etwas über die Qualität der bestehenden Betrugsbekämpfung des Unternehmens aus.

Der Zeitpunkt wurde trotzdem spektakulär.

Nur einen Tag später verklagte Universal Music Group DistroKid vor einem US-Bundesgericht in Delaware.

UMG wirft dem Distributor unter anderem vor, tausende nicht autorisierte beziehungsweise veränderte Versionen geschützter Aufnahmen verbreitet zu haben. In der Klage geht es außerdem um KI-generierte Inhalte, die UMG als „AI slop“ bezeichnet. Nach Angaben von Reuters nennt die Klage Material im Zusammenhang mit Künstlern wie den Beatles, Drake, Lady Gaga und Rihanna.

DistroKid weist die Vorwürfe zurück.

Reuters berichtete am 15. September darüber:

https://www.reuters.com/legal/legalindustry/umg-sues-distrokid-allegedly-distributing-ai-slop-music-2026-09-15/

An dieser Stelle muss man journalistisch ein bisschen auf die Bremse treten. Eine Klage ist kein Urteil. UMG stellt Behauptungen auf, DistroKid widerspricht, und ein Gericht wird sich mit dem Fall beschäftigen. Wer jetzt schon schreibt, DistroKid habe all diese Dinge nachweislich getan, schreibt mehr, als wir wissen.

Trotzdem passt der Rechtsstreit erstaunlich genau zur neuen Initiative.

Die Branche diskutiert darüber, wie viel Verantwortung ein Distributor dafür trägt, was durch seine Systeme in die Streamingdienste gelangt. Gleichzeitig landet genau diese Frage in ziemlich konkreter Form vor Gericht.

Darüber lohnt sich ein eigener Artikel. Und zwar nicht nur wegen DistroKid.

Der Ausgang kann für die gesamte DIY-Distribution interessant werden.

Wenn der Distributor zum Rechteprüfer wird

Hier steckt nämlich ein grundsätzlicher Konflikt.

Die enorme Stärke moderner Distributoren besteht darin, dass sie skalieren.

Millionen Künstler können Musik hochladen, ohne dass vorher ein A&R-Manager jede Aufnahme anhört. Das ist der Grund, warum digitale Distribution so billig geworden ist.

Wenn Distributoren künftig jeden Upload intensiver prüfen müssen, steigen zwangsläufig Aufwand und Kosten.

Man kann diese Kosten technisch reduzieren, indem man mehr automatisiert.

Dann sind wir wieder beim Algorithmus.

Oder man beschäftigt mehr Menschen.

Dann wird Distribution teurer.

Wahrscheinlich wird es eine Mischung aus beidem.

Für Musiker könnte das langfristig bedeuten, dass sich die Zeiten des vollkommen unkontrollierten Uploads dem Ende nähern. Ich glaube nicht, dass plötzlich jede Single manuell von einem Juristen geprüft wird. Das wäre wirtschaftlich absurd.

Aber risikobasierte Prüfungen sind ziemlich naheliegend.

Ein Künstler mit fünf Jahren sauberer Release-Historie, nachvollziehbaren Metadaten und normalen Streamingmustern dürfte weniger Aufmerksamkeit erzeugen als ein gestern eröffneter Account, der heute 4.000 Tracks hochlädt.

Eigentlich wäre genau das eine vernünftige Umsetzung.

Nicht jeden Musiker behandeln, als wäre er ein potenzieller Krimineller.

Nach Mustern suchen, die tatsächlich ungewöhnlich sind.

Für kleine Labels wird Dokumentation wichtiger

Ich würde deshalb aus der ganzen Sache eine ziemlich unspektakuläre praktische Konsequenz ziehen: Independent-Artists und kleine Labels sollten ihre Unterlagen ordentlich halten.

Beat gekauft? Lizenz aufbewahren.

Feature vereinbart? Vereinbarung aufbewahren.

Sample freigegeben? Dokumentation behalten.

Cover-Art von jemand anderem? Rechte klären.

Mehrere Künstlernamen oder Projekte? Sauber dokumentieren.

Mit KI gearbeitet? Ebenfalls festhalten, was gemacht wurde und mit welchem System.

Projektdateien und Stems sowieso nicht löschen.

Das klingt nicht besonders Rock ’n’ Roll, ist aber wesentlich angenehmer, als zwei Jahre später nachweisen zu müssen, warum man etwas veröffentlichen durfte.

Gerade bei älteren Releases merkt man schnell, wie viel Zeug irgendwann verschwunden ist. Der Beat kam per WeTransfer, der Produzent hat inzwischen eine andere Mailadresse und irgendeine Lizenz lag auf einem Laptop, der 2024 den Geist aufgegeben hat.

Solange niemand fragt, ist alles wunderbar.

Sobald jemand fragt, beginnt Archäologie.

Ein kleines Label sollte deshalb inzwischen eigentlich eine simple Rechteakte für jedes Release führen. Keine 80-seitige Juristenmappe. Ein Ordner reicht: Master, Cover, Splits, Beat-Lizenz, Sample-Clearance, Feature-Vereinbarung, Distributor-Daten und gegebenenfalls Informationen zu verwendeten KI-Werkzeugen.

Das schützt nicht nur vor Distributoren. Es spart generell Ärger.

Der Support wird wichtiger als der billigste Jahrespreis

Vielleicht verändert sich dadurch auch die Frage, nach der Musiker ihren Distributor auswählen.

Jahrelang ging es vor allem um Preis, Anzahl der Stores, Auszahlung und vielleicht noch Zusatzfunktionen.

Wenn automatische Kontrollen zunehmen, wird plötzlich etwas anderes interessant: Was passiert, wenn etwas schiefgeht?

Kann ich jemanden erreichen?

Bekomme ich eine konkrete Antwort?

Gibt es ein Einspruchsverfahren?

Wie lange dauert eine Prüfung?

Werden Einnahmen sofort komplett eingefroren oder nur die betroffenen Beträge?

Kann ich Unterlagen nachreichen?

Ein Distributor kann noch so billig sein. Wenn beim ersten komplizierten Problem niemand erreichbar ist, fühlt sich die gesparte Jahresgebühr plötzlich nicht mehr besonders clever an.

Das gilt übrigens auch umgekehrt. Distributoren haben ein legitimes Interesse daran, nicht für jeden Kunden wochenlang Detektiv spielen zu müssen. Wer als Künstler vernünftige Unterlagen besitzt und auf Rückfragen reagieren kann, macht das Leben für beide Seiten leichter.

Vielleicht bringt uns der ganze Fraud-Wahnsinn am Ende wenigstens dazu, die DIY-Musikwirtschaft ein bisschen professioneller zu behandeln.

DIY heißt schließlich nicht „keine Regeln“.

Es heißt nur, dass man die Arbeit selbst macht.

Die großen Unternehmen sollten sich dabei nicht aus der Verantwortung stehlen

Was mich an vielen Debatten über Streamingbetrug stört, ist die Versuchung, das Problem komplett nach unten weiterzureichen.

Der Künstler soll beweisen, dass er echt ist.

Der Distributor soll beweisen, dass der Künstler echt ist.

Und dann?

Streamingdienste besitzen die mit Abstand besten Daten darüber, wie Musik tatsächlich gehört wird. Sie sehen Geräte, Accounts, zeitliche Muster, Playlists, Regionen und andere Signale, die ein einzelner Musiker niemals sehen kann.

Deshalb kann Betrugsbekämpfung nicht am Upload enden.

Die IFPI erkennt das grundsätzlich selbst an. In ihren Veröffentlichungen wird die Verantwortung über die gesamte Kette verteilt: Distributoren, DSPs, Musikunternehmen und teilweise auch Strafverfolgungsbehörden.

Das ist wichtig.

Spotify kann nicht einem Musiker vorwerfen, er hätte verdächtige Streams erkennen müssen, wenn Spotify selbst hundertmal mehr Informationen über diese Streams besitzt.

Und ein Distributor sollte nicht allein dafür verantwortlich gemacht werden, einen ausgeklügelten Bot-Angriff zu erkennen, der erst Monate nach dem Upload beginnt.

Jeder muss dort kontrollieren, wo er tatsächlich Informationen besitzt.

Alles andere ist Verantwortungs-Pingpong.

KI macht das Problem größer, aber KI ist nicht das Problem

Dieser Unterschied wird in den kommenden Jahren entscheidend.

Generative Musiksysteme ermöglichen Massenproduktion. Das ist offensichtlich.

Sie können damit Betrug billiger machen. Ebenfalls offensichtlich.

Daraus folgt trotzdem nicht, dass jeder KI-Track betrügerisch ist.

Ein Musiker kann generative Systeme als Werkzeug verwenden. Ein anderer kann damit einen kompletten Song herstellen. Beide können anschließend echte Hörer haben.

Man muss die Musik nicht mögen.

Man kann solche Veröffentlichungen für belanglos halten.

Man kann über die Trainingsmethoden der Anbieter streiten.

Aber Streaming Fraud ist etwas anderes.

Betrug beginnt dort, wo Nutzung künstlich manipuliert wird oder andere täuschende beziehungsweise rechtsverletzende Praktiken ins Spiel kommen.

Diese Begriffe sollten wir nicht durcheinanderwerfen, nur weil „AI Slop“ gerade eine wunderbar griffige Überschrift ergibt.

Sonst bekommen wir am Ende Anti-Fraud-Regeln, die eigentlich Anti-KI-Regeln sind, ohne dass jemand das offen sagt.

Und davon hätten menschliche Musiker erstaunlich wenig.

Was ich von der Initiative halte

Unterm Strich halte ich die Streaming Integrity Initiative für überfällig.

Nicht weil ich plötzlich grenzenloses Vertrauen in Musikverbände, Major Labels und automatische Erkennungssysteme entwickelt hätte. Das wäre dann doch etwas viel verlangt.

Der Grund ist einfacher: Wenn jemand das Streaming-System industriell manipuliert, nimmt er Geld aus einem Markt, in dem echte Musiker ohnehin um jeden Bruchteil eines Cents kämpfen.

Dafür habe ich wenig Verständnis.

Wer Bots kauft, Fake-Artists in Serie produziert oder automatisierte Kataloge ausschließlich dafür baut, Royalty-Systeme auszutricksen, soll rausfliegen.

Gerne schnell.

Die spannendere Aufgabe beginnt danach. Wir müssen verhindern, dass die Gegenmaßnahmen wieder hauptsächlich diejenigen treffen, die ohnehin die wenigste Macht besitzen.

Ein Major Label kann bei einem Problem jemanden anrufen.

Der Independent-Künstler bekommt ein Ticket mit der Nummer #847293 und den Hinweis, bitte nicht auf diese E-Mail zu antworten.

Wenn die Branche strengere Kontrollen möchte, muss sie deshalb gleichzeitig bessere Transparenz, vernünftige Einspruchsmöglichkeiten und erreichbaren Support liefern.

Das gehört für mich zusammen.

Die nächsten Monate werden zeigen, ob die Streaming Integrity Initiative tatsächlich zu einem gemeinsamen Standard wird oder hauptsächlich eine freiwillige Selbstverpflichtung bleibt, die jeder ein bisschen anders interpretiert.

Interessant wird außerdem, ob DistroKid noch dazukommt und wie der parallel laufende Rechtsstreit mit Universal Music Group weitergeht.

Für Independent-Musiker und kleine Labels ist die Entwicklung jedenfalls relevanter, als es der etwas bürokratische Name „Streaming Integrity Initiative“ vermuten lässt.

Denn hinter diesem Namen steckt eine ziemlich grundlegende Veränderung.

Der Distributor war einmal hauptsächlich dafür da, unsere Musik auszuliefern.

Jetzt soll er zunehmend entscheiden, wer wir sind, ob unsere Rechte stimmen, ob unsere Musik verdächtig aussieht und ob wir überhaupt ins Streaming-System hineindürfen.

Das kann helfen, eine Menge Müll und Betrug draußen zu halten.

Dann sollten wir aber verdammt genau hinschauen, wer den Türsteher kontrolliert.


Quellen

IFPI – Streaming Integrity Initiative, 14. September 2026
https://www.ifpi.org/music-companies-unite-in-new-commitment-to-combat-streaming-fraud-in-order-to-protect-artists-songwriters-and-fans/

Streaming Integrity Initiative – vollständige fünf Grundsätze
https://endstreamingfraud.com/streaming-integrity-initiative

IFPI – Global Music Report 2026
https://www.ifpi.org/wp-content/uploads/2024/03/GMR2026_SOTI2.pdf

IFPI – Global Music Report 2026, Zusammenfassung und Marktzahlen
https://www.ifpi.org/global-music-report-2026-global-recorded-music-revenues-grow-6-4-as-record-companies-drive-innovation/

IFPI – Regeln für KI-unterstützte Aufnahmen in offiziellen Charts, 30. Juli 2026
https://www.ifpi.org/ifpi-rolls-out-global-principles-for-the-eligibility-of-recordings-developed-using-ai-in-official-music-charts-worldwide/

Music Business Worldwide – DistroKid fehlt zum Start bei den neuen Anti-Fraud-Standards, 14. September 2026
https://www.musicbusinessworldwide.com/distrokid-new-anti-fraud-standards-unlike-cd-baby/

Reuters – Universal Music Group verklagt DistroKid, 15. September 2026
https://www.reuters.com/legal/legalindustry/umg-sues-distrokid-allegedly-distributing-ai-slop-music-2026-09-15/