Suno V6: Die Musikmaschine wird besser – und genau das ist das Problem
Suno V6 ist seit dem 9. September draußen und technisch muss man nicht lange drumherumreden: Das Ding ist besser geworden. Die Musik klingt überzeugender, Anweisungen werden genauer umgesetzt und generierte Songs lassen sich stärker bearbeiten. Mit V6-mini gibt es außerdem eine Variante, die besonders schnell und für große Mengen an Generierungen gedacht ist.
Aus Sicht eines Softwareunternehmens ist das konsequent. Aus Sicht von Musikern sollte spätestens beim Begriff „high-volume generation“ allerdings eine Warnlampe angehen.
Denn Suno verkauft nicht einfach ein neues Instrument. Ein Synthesizer schreibt mir nicht auf Knopfdruck einen kompletten Song, singt ihn ein, arrangiert ihn und liefert anschließend die nächste Variante. Suno automatisiert genau die Arbeitsschritte, mit denen Musiker, producers, Komponisten, Studiomusiker und Sänger bislang einen erheblichen Teil ihrer Zeit verbracht haben.
Natürlich kann ein Musiker Suno kreativ einsetzen. Das ändert aber nichts an der grundsätzlichen wirtschaftlichen Logik hinter dem Produkt.
Je schneller Suno Musik erzeugen kann, je besser diese Musik klingt und je weniger menschliche Arbeit dafür notwendig ist, desto attraktiver wird das System für Leute, denen Musik als Kunst herzlich egal ist.
Und genau dort beginnt die Slop-Fabrik.
Suno braucht keinen neuen Prince
Die größte Gefahr besteht meiner Meinung nach nicht darin, dass Suno irgendwann einen genialeren Künstler hervorbringt als die Menschen.
Das muss Suno überhaupt nicht.
Für ein profitables System reicht Musik, die gut genug ist.
Ein bisschen Lo-Fi zum Lernen. Ambient zum Einschlafen. Workout-Beats. Piano-Musik. Trap. Pop. Soul. Irgendetwas, das drei Minuten lang nicht stört und anschließend vom Algorithmus durch den nächsten Track ersetzt wird.
Ein menschlicher Musiker kann vielleicht ein Album pro Jahr ernsthaft fertigstellen. Eine automatisierte Pipeline kennt solche Grenzen nicht. Sie kann Varianten produzieren, Genres ausprobieren, Titel und Cover generieren und anschließend schauen, was funktioniert.
Das erinnert irgendwann nicht mehr an ein Plattenlabel.
Es erinnert an SEO-Spam mit Audiodateien.
Wenn die Herstellungskosten eines einzelnen Songs fast verschwinden, muss die Erfolgsquote winzig sein. Von 10.000 Tracks können 9.900 komplett untergehen. Wenn die übrigen hundert genügend Streams erzeugen, kann sich das Geschäft trotzdem rechnen.
Genau deshalb ist die Verbesserung von V6 nicht automatisch eine gute Nachricht für Musik.
Besserer Slop bleibt Slop. Er ist nur schwieriger zu erkennen.
Woher kommt eigentlich das musikalische Wissen?
Bei aller Begeisterung über die technische Entwicklung sollte außerdem nicht vergessen werden, dass die KI-Musikbranche einen massiven Streit über Trainingsdaten ausgelöst hat.
Die entscheidende Frage lautet nicht nur, ob ein Modell einen überzeugenden Soul-Song erzeugen kann. Die Frage lautet auch, wie es gelernt hat, was Soul überhaupt ist.
Generative Musikmodelle fallen schließlich nicht vom Himmel. Sie lernen musikalische Strukturen aus existierendem Material: Arrangement, Harmonik, Instrumentierung, Produktion, Life, Songstrukturen und unzählige stilistische Zusammenhänge.
Genau deshalb waren die Auseinandersetzungen zwischen Suno, Rechteinhabern und Musikindustrie so grundsätzlich.
Die Musikbranche hat Jahrzehnte menschlicher Arbeit hervorgebracht. Daraus entsteht ein System, das menschliche Musikproduktion teilweise automatisieren kann.
Und anschließend sollen Musiker möglicherweise ein Abo bezahlen, um diese Maschine benutzen zu dürfen.
Man muss kein Technikfeind sein, um darin einen ziemlich heftigen Interessenkonflikt zu erkennen.
Jetzt werden Deals gemacht
Mittlerweile hat sich die Lage verändert. Suno hat Vereinbarungen mit Warner Music Group, BMG und Believe geschlossen. Es wird über lizenzierte Nutzung, Opt-in-Systeme und Beteiligungen gesprochen.
Das ist besser als ein dauerhafter rechtsfreier Raum.
Es beantwortet aber noch lange nicht die wichtigste Frage für Musiker:
Wer bekommt wie viel?
„Revenue Sharing“ klingt fantastisch auf einer Pressemitteilung. Musiker kennen solche Formulierungen inzwischen allerdings ziemlich gut.
Streaming sollte ebenfalls einmal die große Demokratisierung der Musik werden. Heute diskutieren Independent-Künstler darüber, wie viele hunderttausend Streams sie brauchen, damit überhaupt ein brauchbarer Betrag zusammenkommt.
Deshalb reicht es nicht, zu verkünden, dass Künstler beteiligt werden.
Wir brauchen Zahlen.
Wie hoch ist der Anteil?
Wer bestimmt den Wert einer Stimme oder eines musikalischen Stils?
Was bekommt ein Künstler, wenn sein Material für ein Modell freigegeben wird?
Kann er seine Zustimmung zurückziehen?
Was passiert mit bereits trainierten Modellen?
Wer kann die Abrechnung überprüfen?
Und welcher Anteil bleibt bei Plattform, Rechteinhaber, Publisher und anderen Zwischenstationen hängen?
Solange solche Fragen unbeantwortet bleiben, gibt es keinen Grund, das neue Verhältnis zwischen KI-Unternehmen und Musikindustrie als Sieg für Musiker zu feiern.
Suno verdient an mehr Musik. Musiker nicht unbedingt.
Hier liegt für mich der entscheidende Interessenkonflikt.
Für Suno ist es grundsätzlich gut, wenn Menschen viel generieren. Mehr Nutzung bedeutet ein attraktiveres Produkt, mehr Abonnenten, mehr Daten und einen größeren Markt.
Für die Musikökonomie bedeutet mehr Musik dagegen nicht automatisch mehr Geld.
Die Anzahl menschlicher Ohren wächst schließlich nicht mit der Anzahl generierter Tracks.
Ein Tag hat weiterhin 24 Stunden.
Wenn sich ein begrenztes Maß an Aufmerksamkeit auf immer mehr Musik verteilt, wird Aufmerksamkeit noch wertvoller.
Und genau diese Aufmerksamkeit ist schon heute das eigentliche Problem unabhängiger Künstler.
Wir haben keinen Mangel an Musik.
Wir haben einen Mangel an Leuten, die sie hören.
Jetzt bauen wir Maschinen, die den bereits gigantischen Musikkatalog theoretisch ohne Ende vergrößern können.
Man darf zumindest fragen, wem das eigentlich helfen soll.
Der unabhängige Künstler trägt das Risiko
Ein großes Unternehmen kann mit solchen Veränderungen experimentieren.
Ein Major besitzt riesige Kataloge, Daten, Marketingstrukturen und Verhandlungsmacht. Wenn sich mit generativer Musik ein neuer Markt entwickelt, kann ein Konzern versuchen, daran mitzuverdienen.
Ein kleiner Künstler hat diese Position nicht.
Der bezahlt Aufnahme, Plugins, Distribution, Promotion und möglicherweise Musiker oder Produzenten. Gleichzeitig konkurriert er um dieselben Playlists, Suchergebnisse, Empfehlungen und letztlich dieselben Ohren.
Wenn dort zusätzlich industrielle Mengen generierter Musik auftauchen, wird der Wettbewerb nicht fairer.
Deshalb halte ich die oft gehörte Aussage „KI demokratisiert Musik“ für mindestens unvollständig.
Sie demokratisiert die Möglichkeit, Audiodateien zu erzeugen.
Ob sie auch die Musikwirtschaft demokratisiert, ist eine völlig andere Frage.
Es könnte genauso gut das Gegenteil passieren: Produktion wird wertloser, während Plattformen, Modelle, Daten und Reichweite immer wertvoller werden.
Dann wurde nicht die Macht demokratisiert.
Nur die Produktion wurde billiger.
Natürlich kann man Suno trotzdem benutzen
Hier muss man trotzdem sauber bleiben.
Wenn ein Rapper eine eigene Melodie in Suno wirft, eine verrückte Instrumentierung generiert, daraus acht Sekunden herausnimmt, alles zerhackt, neu arrangiert, darüber rappt und anschließend einen eigenen Song daraus baut, halte ich das nicht für dasselbe wie eine automatisierte Content-Farm.
Technologie war schon immer Teil von HipHop.
Sampler waren Technologie. Drumcomputer waren Technologie. Auto-Tune ist Technologie. Eine DAW ist ein riesiges Stück Software.
Aber es gibt einen Unterschied zwischen einem Werkzeug, mit dem ein Mensch Musik macht, und einem System, dessen wirtschaftliche Stärke gerade darin besteht, möglichst viel menschliche Arbeit beim Musikmachen überflüssig zu machen.
Diesen Unterschied sollte man nicht wegdiskutieren, nur weil die Ergebnisse inzwischen ziemlich beeindruckend sind.
Und Streaming könnte zur Müllkippe werden
Spotify, Apple Music, Deezer und andere Dienste werden sich mit dieser Entwicklung beschäftigen müssen.
Denn Millionen zusätzliche Tracks sind nicht automatisch Millionen zusätzliche kulturelle Werke.
Wenn automatisierte Betreiber problemlos riesige Kataloge erzeugen können, kommen Fake-Artists, Streamingbetrug, Empfehlungsmanipulation und Content-Farming zwangsläufig auf den Tisch.
Dann wird Kennzeichnung interessant.
Upload-Limits werden interessant.
Fraud Detection wird interessant.
Und irgendwann möglicherweise auch die unbequeme Frage, ob jeder automatisch erzeugte Track überhaupt denselben Anspruch auf Vergütung haben sollte wie Musik, hinter der tatsächlich ein Künstler steht.
Dabei muss allerdings verhindert werden, dass ausgerechnet kleine Musiker unter neuen Regeln leiden, während große Rechteinhaber Sondervereinbarungen bekommen.
Das wäre der schlechteste mögliche Ausgang: Die Industrie löst das KI-Problem und der Independent zahlt die Rechnung.
Vielleicht liegt die Antwort außerhalb des Streaming-Wettrennens
Genau deshalb werden Bandcamp, eigene Shops, Websites, Newsletter, Konzerte, physische Veröffentlichungen und direkte Fanbeziehungen interessanter.
Nicht weil wir plötzlich wieder 1996 spielen sollten.
Sondern weil eine direkte Beziehung zwischen Musiker und Hörer schwerer mit Slop zu überschwemmen ist.
Wenn jemand dein Album kauft, hat er eine Entscheidung getroffen.
Wenn jemand zum Konzert kommt, ebenfalls.
Wenn jemand ein Tape bestellt, deinen Newsletter liest oder einem kleinen Label seit fünf Jahren folgt, besteht eine Verbindung, die ein Empfehlungsalgorithmus nicht einfach durch den nächsten generierten Track ersetzen kann.
Vielleicht wird das eine der ironischsten Folgen der KI-Revolution.
Je künstlicher und unbegrenzter digitale Musikproduktion wird, desto wertvoller könnte wieder werden, dass hinter einer Platte tatsächlich Menschen stehen.
Suno V6 ist deshalb für mich weder irgendein harmloses neues Plugin noch der Untergang der Musik.
Es ist ein mächtiges kommerzielles System, dessen Interessen nicht automatisch dieselben sind wie die Interessen von Musikern.
Das sollten wir nicht vergessen, nur weil die Technik faszinierend ist.
Suno möchte, dass möglichst viel generiert wird.
Streamingdienste möchten, dass möglichst viel gehört wird.
Rechteinhaber möchten, dass möglichst viel monetarisiert wird.
Und Musiker sollten verdammt noch mal darauf achten, dass zwischen diesen drei Interessen am Ende noch jemand dafür bezahlt wird, Musik tatsächlich zu machen.